Vorführung: Das Kaufman - Testsystem jenseits der K-ABC

von Alan und Nadeen Kaufman, mit weiteren Beiträgen von Peter Melchers und Stephanie Schürmann

im Rahmen des 45. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie - Nürnberg 2006
Dienstag, den 19.09.2006, 14.15 bis 16.15 Uhr, Raum 0.423

Einführung
Mit der Kaufman - Assessment Battery for Children erschien ein in Durchführung und theoretischem Hintergrund innovativer Intelligenztest, der im deutschen Sprachraum zu dem am häufigsten bei Vorschul- und Schulkindern eingesetzten Verfahren wurde. 

Mit dem Kaufman - Neuropsychologischer Kurztest (K-NEK; 2004) und dem Kaufman - Test zur Intelligenzmessung (K-TIM; 2006) stehen nun zwei Verfahren mit unterschiedlichen diagnostischen Aufgaben zur Verfügung, die ab dem Alter von 11 Jahren bis ins Senium einsetzbar sind. Damit wird das Kaufman - Testystem auch für Jugendliche und Erwachsene anwendbar.

Der Kaufman - Neuropsychologischer Kurztest (K-NEK) erlaubt eine grundlegende Beurteilung kognitiver Funktionen im Sinne eines Screenings und basiert auf kognitions- und neuropsychologischen Theorien, vor allem auf der zentralen Denktheorie von Luria. Das Verfahren umfasst vier Untertests auf den drei Niveaus kognitiver Komplexität, die die verschiedenen Bereiche bzw. Blöcke der zentralen Denktheorie repräsentieren.

Der Kaufman - Test zur Intelligenzmessung (K-TIM) schließt konzeptionell an die K-ABC an und ermöglicht wie diese eine differenzierte Verhaltensbeobachtung. Das Verfahren umfasst 10 Untertests und dient zur Beurteilung intellektueller Leistungsfähigkeit auf Grundlage der erweiterten Intelligenztheorie von Horn und Cattell, deren Schwerpunkt die Dichotomie fluider gegenüber kristallinen Intelligenzfunktionen ist. 

In der Vorführung werden die beiden Verfahren in theoretischem Hintergrund, Entwicklung und Anwendung von den Originalautoren, Alan & Nadeen Kaufman, sowie den Adaptionsautoren vorgestellt.

Programm
Alan S. Kaufman From David Wechsler to the German K-TIM and K-NEK: 
35 Years in the Eye of the IQ Storm
Peter Melchers Reliabilität und Validität des Kaufman-Test zur Intelligenzmessung (K-TIM) für Jugendliche und Erwachsene
Nadeen L. Kaufman & Alan S. Kaufman Theoretical and Clinical Approaches to the Interpretation of the German K-TIM and K-NEK
Stephanie Schürmann Screening mit dem Kaufman-Neuropsychologischen Kurztest (K-NEK)

From David Wechsler to the German K-TIM and K-NEK: 
35 Years in the Eye of the IQ Storm
Alan S. Kaufman


Dr. Alan S. Kaufman has been on the firing line of IQ controversy since 1970-the year that he earned his PhD under the tutelage of Robert L. Thorndike and also began to work closely with his main mentor, David Wechsler, on the revision and restandardization of the WISC. Since that time, he has remained steadfastly at the forefront of IQ assessment with his books on clinical interpretation and his tests (developed with Nadeen Kaufman) on the assessment of cognition, IQ, and achievement. He has experienced first-hand the impact of the field of learning disabilities on test use and interpretation, and the vitriol of activists in their attacks on the IQ construct. He has weathered controversies over his method of profile interpretation and has dealt directly with the emotional responses of both the media and psychologists to the K-ABC, the first theory-based clinical measure of intelligence. Throughout, Dr. Kaufman has maintained his emphasis on intelligent testing, his deep-seated belief in the clinical skills and insights of practitioners, and his sense of humor. In this talk, Dr. Kaufman discusses David Wechsler, both the man and the legend, and recounts his own diverse experiences in helping to shape the way IQ tests have been developed and interpreted during the past four decades within the US, Europe, and Asia. 


Reliabilität und Validität des Kaufman-Test zur Intelligenzmessung (K-TIM) für Jugendliche und Erwachsene
Peter Melchers


Die in der Kinder- und Jugendpsychiatrie weit verbreitete K-ABC gewährleistet eine stark verarbeitungsbezogene Intelligenzdiagnostik bei Kindern bis zum Alter von 12;5 Jahren. Die auf der Forschung zur zerebralen Spezialisation (Sperry u.a.) und Lurias zentraler Denktheorie gründende Differenzierung in sequenzielle und simultane Verarbeitungsanteile ist bei Kindern klinisch-diagnostisch effizient, aber für Jugendliche und Erwachsene nicht valide darstellbar. Deren leistungsdiagnostische Beurteilung erfordert die stärkere Berücksichtigung von Exekutivfunktionen und von Fähigkeiten zu formal-operationalem Denken sensu Piaget.

Der Kaufman-Test zur Intelligenzmessung (K-TIM; Melchers, Schürmann & Scholten, 2006) ist die Adaption des Kaufman Adolescent and Adult Intelligence Test (KAIT), der 1993 von Kaufman & Kaufman in den USA veröffentlicht wurde. Der K-TIM schließt konzeptionell an die K-ABC an und ermöglicht wie diese eine differenzierte Verhaltensbeobachtung. Das Verfahren dient zur Beurteilung intellektueller Leistungsfähigkeit auf Grundlage der erweiterten Intelligenztheorie von Horn und Cattell, deren Schwerpunkt die Dichotomie fluider gegenüber kristallinen Intelligenzfunktionen ist. Das Verfahren umfasst 10 Untertests und ist anwendbar im Altersbereich von 11 bis über 80 Jahren. Zwei Untertests gestatten die differenzierende Beurteilung verzögerter gegenüber unmittelbaren Gedächtnisleistungen. Das Interpretationsvorgehen folgt Kaufmans "Intelligent testing"-Ansatz, der die Identifizierung individueller Stärken und Schwächen in den Vordergrund stellt. 

Nachdem verschiedene Evaluationsstudien durchgeführt wurden, erfolgte die Normierung in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol (N = 2009). Die vorliegenden Ergebnisse von klinischen und Feldstichproben zeigen, dass der K-TIM eine reliable, valide und stark differenzierende Intelligenzdiagnostik auf solider theoretischer Grundlage gestattet.

Der K-TIM wird in seiner theoretischen Grundlage und inhaltlichen Ausgestaltung vorgestellt, vorliegende Evaluationsergebnisse werden hinsichtlich Reliabilität und Validität diskutiert.


Theoretical and Clinical Approaches to the Interpretation of the German K-TIM and K-NEK
Nadeen L. Kaufman & Alan S. Kaufman


The K-ABC was developed from the perspective of neuropsychological theory, most notably Luria's constructs of Sequential and Simultaneous Processing. Similarly, the K-SNAP (K-NEK) was developed from Luria's theory, although the constructs that underlie the K-SNAP (K-NEK) extend beyond the processing dichotomy and also encompass Attention and Planning Ability. In contrast to the K-ABC and K-SNAP (K-NEK), the KAIT (K-TIM) is rooted in Horn's psychometric constructs of Fluid and Crystallized Intelligence, two of the key Broad Abilities that are included in the Cattell-Horn-Carroll (CHC) theory of intelligence. In this talk, Drs. Nadeen and Alan Kaufman discuss the Luria and CHC theories and explain how they form the basis for interpreting the K-SNAP (K-NEK) and KAIT (K-TIM), respectively. In addition, they (a) explain how the two theories interface with each other, and (b) how the Fluid-Crystallized dichotomy differs in important ways from Wechsler's familiar Verbal-Performance dichotomy. Finally, they discuss clinical aspects of the KAIT (K-TIM) and K-SNAP (K-NEK) subtests, including the comparison of initial learning with delayed recall.


Screening mit dem Kaufman-Neuropsychologischen Kurztest (K-NEK)
Stephanie Schürmann


Der Kaufman-Neuropsychologischer Kurztest (K-NEK; Melchers & Schürmann, 2004) kann in vielfältiger Weise von Neuropsychologen, klinischen Psychologen, Geriatern, Psychiatern und Neurologen in einem Altersbereich von 11 bis über 80 Jahren angewendet werden. Es handelt sich um die Adaption der Kaufman-Short Neuropsychological Assessment Procedure (K-SNAP; Kaufman & Kaufman, 1994). Im Kaufman - Testsystem schließt der K-NEK ebenfalls an den von der K-ABC erfassten Altersbereich an, dient jedoch nicht der differenzierten Beurteilung intellektueller Fähigkeiten.

Der K-NEK erlaubt eine grundlegende Beurteilung kognitiver Funktionen im Sinne eines Screenings und basiert auf kognitions- und neuropsychologischen Theorien, vor allem auf der zentralen Denktheorie von Luria. Das Verfahren umfasst vier Untertests auf den drei Niveaus kognitiver Komplexität, die die verschiedenen Bereiche bzw. Blöcke der zentralen Denktheorie repräsentieren:

Block I [Wachheit und Orientierung] wird durch den Untertest "Orientierung" repräsentiert, der die klassische klinische Prüfung der Orientierungsfunktionen in eine standardisierte und normierte Form bringt. 

Block II [Wahrnehmungs- und Verarbeitungsebene] umfasst die Untertests Gestaltschließen und Zahlennachsprechen. Insofern gestattet der K-NEK die orientierende Beurteilung sequenzieller und simultaner Verarbeitungsaspekte bei Jugendlichen und Erwachsenen, die in der K-ABC das theoretische Fundament der differenzierten Intelligenzdiagnostik bei Kindern gewährleisten.

Block III [Exekutivfunktionen] besteht aus dem Untertest Wortsuche, durch den Handlungs- und Planungsfunktionen als Anteil der Exekutivfunktionen beurteilt werden sollen. 

Neben Untertest- und Gesamtskalenergebnissen erlaubt der K-NEK die Berechnung eines Beeinträchtigungsindex als einfaches, aber objektives Maß kognitiver Funktionsbeeinträchtigung.

Nach Abschluss der Normierung in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol (N = 2544) wurde der K-NEK im März 2004 veröffentlicht. Im Vortrag werden theoretische Grundlagen und praktische Anwendungsmöglichkeiten, Reliabilität und verschiedene Validitätsaspekte dargestellt.



Zu den Autoren:

Dr. Alan S. Kaufman ist Professor für klinische Psychologie am Yale Child Study Center derYale University School of Medicine in New Haven, Connecticut. Schon in seiner Dissertation "Comparison of tests built from Piaget's and Gesell's tasks: An analysis of their psychometric properties and psychological meaning", die er unter Robert Thorndike an der Columbia University anfertigte, beschäftigte er sich mit psychometrischer Diagnostik. Es folgten Forschungs- und Lehrtätigkeiten an verschiedenen nationalen Forschungsinstituten und Universitäten in verschiedenen US-Bundesstaaten sowie in Schweden. Ende der 60er Jahre arbeitete Alan Kaufman als erster Assistent von David Wechsler bei der Psychological Corporation und war so maßgebend an der Revision der Wechsler-Intelligence Scale for Children beteiligt. Noch vor der Veröffentlichung eigener Testverfahren erlangte er größte Reputation mit Forschung und Büchern zu den Wechsler-Tests, aktuelles Beispiel ist Essentials of WISC-IV Assessment mit D.Flanagan (2004; New York: Wiley). Gemeinsam mit seiner Frau Nadeen entwickelte Alan Kaufman eine Vielzahl von Testverfahren, die in verschiedenen anderen Kulturen adaptiert wurden und intensiv verwendet werden.

Dr. Nadeen L. Kaufman ist Dozentin an der klinischen Fakultät des Yale Child Study Center der Yale University School of Medicine in New Haven, Connecticut. Mit den Schwerpunkten Pädagogischer Psychologie, Sonderpädagogik und Neurowissenschaften beschäftigte auch sie sich schon früh mit testgestützter Diagnostik, so in ihrer Dissertation "Reversals and reading: Validation and standardization of the Horst Reversals Test for black and white first-grade children", die sie unter Margaret Jo Shepherd an der Columbia University anfertigte. Nadeen Kaufman war lange als Professorin und Direktorin der "Psychoeducational Assessment Services" der California School of Professional Psychology tätig sowie als Direktorin der "Psychoeducational Clinic" des Mesa Vista Hospitals in San Diego. Davor war sie als Dozentin und Assistenzprofessorin an verschiedenen Universitäten tätig. Über die vielen mit ihrem Mann Alan veröffentlichten Aufsätze, Bücher und Tests hinaus ist Nadeen Kaufman Gründungsherausgeberin diverser Buchreihen, so der "Essentials of Mental Health Practice" und der "Essentials of Behavioral Science" (beide bei Wiley).

Dr. Peter Melchers studierte Psychologie und Medizin an der Universität zu Köln. Bei seinem Doktorvater Udo Undeutsch promovierte er über die Adaptation der K-ABC für den deutschen Sprachraum und arbeitete im Rahmen der forensischen Gutachtertätigkeit mit. Nach langjähriger Tätigkeit an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität zu Köln und Co-Leitung eines Forschungsprojekts zur frühen Rehabilitation nach schweren Schädel-Hirn-Traumen arbeitet er als Chefarzt dieser Fachrichtung am Kreiskrankenhaus Gummersbach. Nach Veröffentlichung der deutschsprachigen Fassung der K-ABC (mit Ulrich Preuß) wurde Peter Melchers als Co-Autor verschiedener anderer Testentwicklungen und -bearbeitungen tätig.

Dipl. Psych. Stephanie Schürmann studierte Psychologie in Bielefeld und Bonn. Schon während des Studiums kam sie als Praktikantin in Kanada mit verschiedenen Kaufman - Tests in Kontakt. Ihr Hauptinteresse gilt der psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Klinik und Forschung. So machte sie als Co-Autorin des Therapieprogramms für hyperkinetisches und oppositionelles Problemverhalten (THOP) auf sich aufmerksam. Stephanie Schürmann arbeitet in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität zu Köln.

Dipl. Psych. Stefan Scholten studierte Psychologie an der Universität zu Köln und war schon während des Studiums wesentlich an mehreren Projekten zur Rehabilitationsforschung sowie zur Evaluation von Diagnostika beteiligt. Neben dem ausgeprägten Interesse für diagnostische Fragestellungen ist er überwiegend psychotherapeutisch tätig. Stefan Scholten arbeitet als therapeutischer Leiter der Station für psychosomatische Erkrankungen am Kreiskrankenhaus Gummersbach.

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